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Wandlungen einer Institution

Vom Männerheim zum Werk- und Wohnhaus

von Thomas Huonker, Martin Schuppli und Fabian Biasio (Fotos)

Mit der Publikation "Wandlungen einer Institution" legt Thomas Huonker eine notwendige Aufarbeitung der Geschichte des WWW und einen wichtigen Beitrag zur Sozialgeschichte der Schweiz vor. Sein historischer Beitrag wird ergänzt durch Martin Schupplis und Fabian Biasios Reportage über den Alltag im heutigen Werk- und Wohnhaus zur Weid.

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder kann direkt beim Werk- und Wohnhaus bestellt werden: Tel. 044 768 50 80 oder Email www@ase.stzh.ch.

1912 von der Stadt Zürich gekauft, diente die „Rossau“ als letzte Station für „Vaganten“, „trunksüchtige“ und „arbeitsscheue“ Männer, die unter strengem Regime „gebessert“ und zu anständigen Mitbürgern gemacht werden sollten. In der Wahl der „Heilmethoden“ war man nicht zimperlich, und die Anstaltsleitungen waren – wie der „Rossau-Skandal“ Anfang der 40erJahre zeigte – niemandem Rechenschaft schuldig. Mit der Professionalisierung der Sozialarbeit seit den 1960er Jahren veränderte sich der Zugang zu Menschen mit sozialen und psychischen Problemen grundlegend. Auch in der Rossau.

Das Werk- und Wohnhaus erteilte 2002 dem Historiker Thomas Huonker den Auftrag, die Geschichte der „Rossau“ aufzuarbeiten. Enstanden ist ein schönes Buch, in dem die historische Aufarbeitung mit Innenansichten aus dem heutigen Werk- und Wohnhaus ergänzt werden.

Auszüge aus dem Buch
"Vom Männerheim zum Werk- und Wohnhaus"

Thomas Huonker

Aus dem Leben eines Lumpensammlers:
«Habe ja nichts verbrochen, und bin kein Zürcher»

Am 29. August 1936 verfasste Dr. Graf in Mettmenstetten ein Arztzeugnis über Alfred H., Insasse des Männerheims zur Weid. In zwei Arztvisiten hatte Dr. Graf den Patienten H. untersucht: «Bei dieser Untersuchung sitzt er gebückt und vom Arzt abgewendet da, spricht nur mit leiser Stimme und erklärt immer wieder, dass er in die Freiheit wolle, wo es ihm wohl sei, am Montag ziehe er los.» Alfred H., Bürger von Rifferswil, geboren am 26.8.1886 und eben 50-jährig geworden, war laut dem Arztzeugnis ein «kräftiger Mann in gutem Ernährungszustand». Er sei seit Ende Juni im Männerheim und arbeite dort als Melker, «müsse aber diese Arbeit aufgeben, da er infolge alter Verstauchungen vor 30 und 2 Jahren Schmerzen in der linken Hand habe». «Die linke Hand ist im Handgelenk radialwärts verschoben», stellte der Arzt fest. Der Patient sagte, «er wolle fort in die Freiheit, dort könne er schlafen, wo er wolle». Zehn Jahre zuvor war der damals 40-Jährige von einem Baum gestürzt und hatte sich die Wirbelsäule verletzt. «Der zehnte, elfte und zwölfte Brustwirbeldorn stehen etwas vor, sodass im untern Teil der Brustwirbelsäule ein leichter Buckel besteht», notierte der Arzt. Alfred H. sagte, «er sei ein halbes Jahr im Kantonsspital Zürich gelegen. Er habe auch Rippen und das Brustbein gebrochen.» Betten waren dem Mann seitdem ein Greuel. «Früher in der Freiheit sei ihm wohl gewesen, jetzt im Bett habe er Rückenschmerzen, auf Streue nie.» Alfred H. hatte genug. Der Arzt schrieb: «Nach Abschluss der Untersuchung erklärt H., dass er nächste Woche Schluss machen wolle.»

Dr. Graf fasste die Untersuchungsergebnisse und seine Empfehlungen zusammen: «Es handelt sich bei H. um einen Psychopathen mit depressivem Einschlag. Körperlich ist ausser den Folgen früherer Verletzungen nichts Besonderes nachweisbar. Der Freiheitsdrang sowie die Suizidideen lassen es als dringend notwendig erscheinen, dass H. aus der offenen Anstalt Weid in Rossau in eine geschlossene Anstalt verbracht wird. Ich erlaube mir, Ihnen für H. die Überbringung nach dem Asyl Littenheid vorzuschlagen. Die Überführung sollte baldmöglichst stattfinden können, da der Mann, der in Rossau ständig in der Streue liegt, überaus störend im Anstaltsbetrieb sich auswirkt.» Im Führungsbericht von Verwalter Roth über H. steht: «9. August 1936: Entwichen. 12. August: Ausschreibung. 14. August:  Polizeiliche Zuführung, gleichen Abend wieder fort. Äusserte zum Polizisten, er mache Hungerstreik. Sagte zu mir, er würde am liebsten sterben. 15. August: Abend im Rinderstall sitzend. Sechs Uhr Aussprache i. Bureau. H. ist wieder zum Nachtessen. Drohte öfters mit Selbstmord.»

Alfred H. war nicht freiwillig ins Männerheim eingetreten. Die Armenpflege der Stadt Zürich hatte ihn aufgrund des 1981 aufgehobenen Gesetzes betreffend die Versorgung von Jugendlichen, Verwahrlosten und Gewohnheitstrinkern vom 24. Mai 1925 eingewiesen und gleichzeitig «die Versetzung in eine Verwahrungsanstalt angedroht, falls er während seines Aufenthalts im Männerheim zur Weid zu berechtigten Klagen Anlass geben sollte oder aus dem Männerheim durchbrennen würde». So hatten es die Fürsorger am 24. Juni 1936 in einer formellen Verwarnung festgehalten. Alfred H. akzeptierte das Dokument nicht: «Unterschrift verweigert. Unter Zeugen vorgelesen.»

Nach seinem Unfall und seiner Scheidung lebte der frühere Bauhandlanger H. ohne feste Arbeitsstelle und ohne festen Wohnsitz. Dies brandmarkten und verfolgten Polizei und Fürsorge als «Vagantität». H. sammelte alte Lumpen zum Weiterverkauf an Grossisten und nächtigte in Scheunen, Schuppen oder auf seinem Handwagen. Zwischen 1927 und 1936 wurde er insgesamt fünf Mal wegen «Vagantität» verhaftet. Hinzu kamen Bussen, die er absitzen musste, weil er seinen Handel ohne Patent betrieb. Der «Tatbestand», aufgrund dessen H. ins Männerheim eingewiesen wurde, war laut Polizeimann Schafroth folgender: «Anlässlich einer Kontrolle wurde H. von uns in einem Lagerschuppen schlafend angetroffen. Fraglicher Schuppen gehört der schweizerischen Volksbank. Dieselbe hat wegen H. schon verschiedentlich reklamiert und duldet es nicht, dass H. sich dort wohnlich einrichtet.»

Nachdem es im Männerheim, wie von den Versorgern befürchtet, nicht gut ging, kam H. für zwei Jahre in die geschlossene Privatanstalt Littenheid im Thurgau. In Briefen an die Zürcher Fürsorge bat er um seine Freilassung, so am 25. Februar 1938: «Habe ja nichts verbrochen, und bin kein Zürcher, das sind nur falsche Verleumdungen, so wahr ein Gott im Himmel lebt.»  Der Besitzer von Littenheid, Dr. Schwyn, befürwortete im April 1938 eine um zwei Monate vorgezogene Entlassung: «Er ist ein etwas komischer Kauz und findet nicht leicht Anschluss an die Umwelt. Wenn Verstimmungen über ihn hereinbrechen, so sind diese meist melancholischer Art, und er zeigt nicht das Krankheitsbild des reinen Alkoholikers. Der Anstaltsaufenthalt lastete ziemlich schwer auf ihm, er ist verbittert, weil er die eigene Schuld nicht einsieht.» 

In der Freiheit wurde H. vom Erkundigungsdienst der Zürcher Fürsorge überwacht. Im Erkundigungsbericht vom 23. Januar 1939 stand: «Rubrikat, geschieden und alleinstehend, betätigt sich, seitdem er im letzten Herbst von der Wanderschaft wieder nach Zürich kam, neuerdings als Hadernsammler. Er hat ein unbestimmtes & nicht kontrollierbares, mutmasslich ganz geringes Einkommen.» Er habe «allem Anscheine nach Mühe, sein bescheidenes Dasein zu fristen». 214 Der Erkundigungsbeamte hatte schon ein halbes Jahr vorher einen Bericht über H. verfasst und schloss mit den Worten: «Er wird sich innert eines halben Jahres hinsichtlich seines Wesens und Charakters kaum wesentlich verändert haben und ist jetzt noch als sog. Bandur zu taxieren.» 

1941 wurde H. «wegen Vagantität und weil arbeits- und mittellos» verhaftet und erneut versorgt, diesmal für drei Jahre. 216 Laut Protokoll des Bezirksrats vom 14. Februar 1941 sei es «höchste Zeit, ihn durch eine länger dauernde Anstaltsversorgung an ein geordnetes Leben zu gewöhnen». Und wieder hatte sich H. «mit der Einweisung nicht einverstanden erklärt», denn er sei in der Lage, «mit seinem Lumpenhandel ordentlich zu verdienen».  H. kam in die staatliche Zwangsarbeitsanstalt Kalchrain, ebenfalls im Thurgau. Er floh nach wenigen Wochen, doch wurde «der am 14. März 1941 aus herwärtiger Anstalt entwichene H. Alfred, von Rifferswil, 1886, im Kanton Zürich aufgegriffen und wieder anher instradiert», wie die Anstaltsleitung in perfektem Amtsdeutsch festhielt.

Im Juni 1941 wurde H. wegen eines Speiseröhrentumors zuerst in die Krankenanstalt Frauenfeld, dann ins Kantonsspital Winterthur überwiesen. Nach einer Operation starb er dort am 12. August 1941, knapp 55-jährig. Die Zürcher Fürsorge hatte für die zwangsweise Internierung des Lumpensammlers und für die Spitalkosten in seinen letzten fünf Lebensjahren insgesamt 2494 Franken und 75 Rappen ausgegeben.

 

Martin Schuppli

Heimat finden, Heimat sein

Wenn sich das sanfte Licht der sommerlichen Dämmerung über die Weid legt, wird in einigen Zimmern Licht angezündet. Hinter den erleuchteten Fenstern haben viele Menschen ihr Zuhause gefunden. Für einige ist es vorübergehend, denn ihr Ziel ist die Reintegration. Für andere ist ein Wegzug unvorstellbar. Sie sind hier in Rossau daheim. Zum Beispiel Emil M. (74). Er schwärmt für GC und den ZSC, hat den «Tagi» und den «Blick» abonniert und kauft seit 23 Jahren seine Rössli-Stumpen am Weidkiosk. «Mittlerweile kosten sie drei Franken achtzig.»

Heimat gefunden hat auch Herr F. (56). Er erträgt seine schmerzenden Hüften ohne Klagen und führt auf Spaziergängen stets ein laufendes Radio in der Hemdtasche mit sich. Ausgiebige Märsche macht auch Heinz G. (48). Er malt in der Freizeit Bilder und verkaufte anlässlich einer Ausstellung im alten Kuhstall einige seiner Werke. Das gelang auch Raymond A. (59),  der unter anderem Blumentöpfe wunderschön bemalte. Er zog  im Herbst aus und versucht jetzt in Zürich ein Leben in eigener Regie  zu führen. Annemarie G. (62) bemalt in der Schreinerei Holzschmetterlinge und für ihre Verwandtschaft liess sie am Bio-Brunch gleich einen ganzen Tisch reservieren. «Ich habe immer grosse Freude, wenn mich meine Kinder samt ihren Familien und den Enkeln besuchen kommen.»

Weiter weg Wohnen die Verwandten von Reinhard K. (61). Ihn plagt ein arger Raucherhusten. Der Norddeutsche arbeitet in der Schreinerei, träumt auch mal von einem anständigen Eisbein mit Sauerkraut und weiss viel über Kakteen, über die «Königin der Nacht». Zudem kennt er sich mit geknüpften Teppichen aus und könnte wohl stundenlang Seemannsgarn spinnen. «Ich war aber nie Matrose, mein Junge. Obwohl ich von der Waterkant bin.»

Zurückgezogen leben Carol Sch. (33) und Marcel B. (48). Das Paar verbrachte gemeinsame Ferien in Spanien. Sie arbeitet in der Schreinerei, ihr Schatz ist der Spritzkünstler in der Werkstatt. «Chiffeln» können die beiden wie ein Ehepaar. Zum Beispiel beim Abwaschen im Freizeitkeller, wenn sie das tropfnasse, saubere Geschirr nicht dort abstellt, wo er es erwartet hat.

Über solche Probleme kann Peter W. (47) nur lachen. Er ist ein sicherer Wert auf dem Landwirtschaftsbetrieb. Seine Alkoholsucht hat er mit Medikamenten im Griff. Darum erhielt er die Bewilligung zum Traktor fahren und einen Lernfahrausweis hat er auch. Als Nächstes will er die Töffprüfung schaffen. Sein Wunschtraum: «Einmal auf einem anderen grossen Betrieb arbeiten.»

Über einen Wechsel dachte auch schon Erika S. (47) nach. Sie arbeitet in der Küche, wurde vor den Ferien von vielen herzlichst verabschiedet und bei der Rückkehr wieder freudig begrüsst. Ihre einfühlsame Art, mit den Kolleginnen und Kollegen umzugehen, fällt wohltuend auf. Ist sie gut aufgelegt, holt sie den Rommeespielern sogar Kaffee.

Nicht vergessen gehen darf Andreas von K. (56). Der ehemalige Bankangestellte kann russische Schriftsteller zitieren und wohl auch auf Russisch eine Mahlzeit bestellen. Er liest viel, weiss eine Menge und unterhält sich gerne mit interessierten Zeitgenossen. Spass macht dem Berner aus Reichenbach im Kanderland aber auch die Arbeit im Stall mit den Tieren. Er redet mit ihnen, wenn er spät abends nochmals einen letzten Kontrollgang macht, und beim Lichterlöschen wünscht er ihnen eine gute Nacht.

Still wirds auf der Weid, aber nie ganz dunkel. Irgendwo flimmert noch ein blaues Licht. Wahrscheinlich ist Herr A. (45) vor dem Fernseher eingeschlafen. Er hat sich noch nicht so richtig mit dem eigenen Bett anfreunden können. Darum nickt er öfter ausserhalb seines Zimmers ein.

Im Werk- und Wohnhaus ist auch das möglich.

 

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